Leseprobe 2

Zeittafel

Kursiv Gedrucktes = nicht historisch

1802 – 1808 Nach dem Ende der Helvetischen Republik kann sich Anna Maria Infanger nicht mehr zur Rückkehr ins Kloster entschliessen. Im urnerischen Bauen heiratet sie den Sägereigehilfen Johann Zwyssig. Drei der sieben Zwyssigkinder sterben in zartem Kindesalter, vier von ihnen werden in ein Kloster eintreten.

1808 wird Johann Josef Zwyssig, der nachmalige P. Alberik Zwyssig geboren.

1814 Johann Zwyssig, Johann Josefs (Alberiks) Vater, erfolglos als Säger und Wirt, zerstritten mit den Dorfbewohnern, verlässt seine Familie und tritt in holländische Kriegsdienste ein.

Pfarrer Adelrich Bumbacher, ehemaliger Kaplan von Bauen, jetzt Pfarrer in Menzingen im Kanton Zug, nimmt sich der verwaisten Familie Zwyssig an.

Peter Tresch, ein Seedorfer Klosterknecht, der einen Franzosen umgebracht hat, hat sich vor zwei Jahren unter neuem Namen in holländische Kriegsdienste begeben. Er erzählt seinem Mitsöldner Johann Zwyssig von den tragischen Ereignissen während Napoleons Russlandfeldzug.

1821 Johann Josef Zwyssig tritt als 13-Jähriger ins Gymnasium der Klosterschule Wettingen ein.

1826 Zwyssig tritt das Noviziatsjahr an und legt 1827 die Profess (Gelübde) ab.

Der Thüringer Musiker Daniel Elster lernt im Staadhof zu Baden die blinde Dicherin Luise Egloff kennen.

Daniel Elster gründet den Männerchor Baden.

1827 Johann Josef, jetzt Frater Alberik Zwyssig muss im Kloster Wurmsbach am oberen Zürichsee eine Orgel reparieren.

Dezember: in Wurmsbach stirbt Alberiks 22-jährige Schwester, die Nonne (und Organistin) Plazida.

1828 Auf einem Schulausflug lernen die Klosterschüler die Gehöfte des Sennenbergs kennen.

1829 Der radikal gesinnte Zürcher Volksdichter Leonhard Widmer zieht nach Morges im Kanton Waadt, um seine Französischkenntnisse zu erweitern. Er lernt Geneviève kennen, die spätere Gehilfin in seinem Lithographiegeschäft in der Zürcher Altstadt.

1831 Der Kanton Aargau nimmt eine neue Verfassung an. Sie trägt stark liberale Züge.

Die Schulaufsichtsbehörde stellt dem Kloster Wettingen ein ausgezeichnetes Zeugnis aus.

Der intrigante Wettinger Franz Xaver Hausecker macht sich die Wäscherin Marie Louise hörig. Er besucht sie häufig im Klostergasthaus „Sternen“, wo auch die sangesbegabte Wettingerin Maria Huser tätig ist.

1832 Alberik Zwyssig empfängt in Luzern die Priesterweihe. Der Abt ernennt ihn zu seinem Sekretär und zum Kapellmeister.

Im Dorf Wettingen herrschen grosse Spannungen zwischen Konservativen und Liberalen, deren Anführer Gemeindeamman Johann Bopp ist. Die Liberalen schikanieren das Kloster, schütten Jauche in die klösterliche Wasserleitung …

1833 Abt Alberik Denzler lässt im nahen Dietikon ein neues Pfarrhaus bauen.

In Wettingen wird eine Scheune Opfer einer Brandstiftung. Als Brandstifter wird der Schurke Bartholomäus Schibli vermutet.

1834 Radikale kantonale Regierungsvertreter beraten im Aargauischen Baden die „Badener Artikel“. Sie stellen eine staatliche Bevormundung und Kontrolle der Kirche dar. Von den Kanzeln muss eine behördliche Proklamation zu den Badener Artikel verlesen werden. Der Wettinger Pfarrer Ludwig Oswald und einige seiner Gesinnungsgenossen, weigern sich. Sie werden gebüsst und ihres Amtes enthoben.

Auch im Freiamt, dem Südzipfel des Aargaus kommt Widerstand auf. Die Teilnehmer einer Versammlung, die die Badener Artikel bekämpfen, werden verfolgt und schikaniert.

Gottfried Keller, der junge Malerlehrling, malt im Auftrag seines Lehrmeisters das Kloster Wettingen.

Zwei Klosterschüler beobachten den jungen Knabensopran Joseph Vettiger beim Bade und erhalten dafür eine Tracht Prügel.

In Baden stirbt die blinde Dichterin Luise Egloff.

Der hochverschuldete Wohlenschwiler Pfarrer Peter Welti wird wegen Raubüberfällen und Brandstiftung hingerichtet.

1835 März: Die Klosterschule Muri wird geschlossen, später auch diejenige von Wettingen. Die Klöster werden unter staatliche Kontrolle gestellt. In Wettingen wird Hausecker Verwalter, im Kloster Muri Rudolf Lindenmann.

Am 5. Juli wird P. Plazidus Bumbacher als neuer Wettinger Dorfpfarrer eingesetzt. P. Alberik schreibt im Rahmen der Festmesse das Graduale „Diligam te Domine“.

7. November: Die Aargauische Regierung verbietet den Klöstern die Aufnahme von Novizen.

Dezember: Bartholomäus Schibli setzt die Klosterscheune in Brand.

1836 Die Klostervermögen werden beschlagnahmt. Die Klöster geraten in vollständige Abhängigkeit von den Verwaltern.

Die Klosterscheune wird wiederaufgebaut.

1837 Bartholomäus Schibli wird hingerichtet.

In Neuenhof vermessen Geometer das Gelände für die künftige Eisenbahnstrecke.

Der Wettinger Klosterverwalter möchte die Klosterwäscherin Marie Louise erneut als Lockvogel einsetzen, um Alberik Zwyssig zu verführen und ihm Aufwiegelung gegen die Regierung nachzuweisen. Seine Bemühungen sind vergeblich.

1838 Verschärfung der radikalen Politik. Friedrich Frey – Herosé, Augustin Keller und Eduard Dorer werden in den Regierungsrat, der Klosterfeind Dr. Josef Weibel in Muri zum Bezirksamtmann gewählt.

Im November stirbt der Abt des Klosters Muri, Ambrosius Bloch. Sofort wird seine Hinterlassenschaft vom Staat beschlagnahmt.

Adalbert Regli wird trotz grossen Widerstandes zum neuen Abt gewählt. Dank des diplomatischen Geschicks des neuen Abtes kommt Hoffnung auf, dass die Kirchenpolitik gelockert wird.

In Zürich kommen die Konservativen vorübergehend an die Macht.

1839 Alberik Zwyssig reist nach Zürich, um bei Leonhard Widmers Noten einzukaufen und eigene Werke lithographieren zu lassen. Unterwegs trifft er in Würenlos den abtrünnigen Pater Heinrich Hartmeier, der mit den bevorstehenden Klosteraufhebungen einverstanden ist, weil sie ihm eine gesicherte Pension bringen. Franz Xaver Hausecker hat mit Marie Louise ein Kind gezeugt. Er möchte es verschwinden lassen, um seine Stellung nicht zu gefährden. Er verlangt von Marie Louise, dass sie es zum Schein dem Fährmann des Klosters Fahr in Pflege bringt. In Wirklichkeit sollte sie es bei der Überquerung der Limmat aus der Fähre gleiten lassen. Alberik, der als Kind im Urnersee das Schwimmen erlernt hat und gleichzeitig beim Kloster Fahr eintrifft, rettet das Kind. Auch im Kloster Fahr herrscht ein Novizinnenverbot. Ausnahmsweise darf eine österreichische Sängerin, Alma Hochreuthener, die mit ihrer Familie vor der ebenfalls radikalen österreichischen Kirchenpolitik in die Schweiz geflohen ist, ihr Noviziat antreten. Alberik Zwyssig lernt sie auf seiner Fahrt nach Zürich kennen. Alma verliebt sich in Alberik, doch er erwidert ihre Liebe nicht.

Zurück im Kloster, vernimmt Alberik vom Tod seines Gesangslehrers Pater Paul Burkart. Ein oppositionelles Komitee macht sich Sorgen um die radikale Kirchenpolitik. Einzelne Mitglieder werden verhaftet und schikaniert.

1840 August: In Wettingen findet das Eidgenössische Militärlager statt.

September: Abt Alberik Denzler stirbt. Zu seinem Nachfolger wird Leopold Höchle gewählt.

1841 Nachdem das Aargauer Volk die Verfassungsrevision im Januar angenommen hat, werden die Aargauischen Klöster militärisch besetzt, per Dekret aufgehoben und die Mönche und Nonnen vertrieben. Die mobilen Wertgegenstände der Klöster werden beschlagnahmt, versiegelt und später nach Aarau verschleppt. Die Gegner der Verfassung und der Klosteraufhebungen sind schweren Verfolgungen, Haft und Kerkerstrafen ausgesetzt.

Regierungsbeamte und deren Helfershelfer suchen vergeblich nach einem angeblichen Klosterschatz.

Die Klosteraufhebung von Muri (Januar 1841)

In den Bezirken Muri und Bremgarten wurde die revidierte Verfassung wuchtig verworfen, obwohl sich Bezirksamtmann Dr. Josef Weibel mächtig ins Zeug gelegt hatte für eine Annahme. Er betrachtete die 73%ige Ablehnung als persönliche Niederlage. Weibel war gekränkt und sann auf Rache.

Kloster Muri im Mittelalter
Kloster Muri im Mittelalter

Indessen stand fest, dass die reformierte Mehrheit das Schicksal der katholischen Bezirke zu dessen eindeutigem Nachteil entschieden hatte.

Tief gekränkt boten die Katholiken der Bezirke Muri und Bremgarten Protestschreiben zur Unterschrift herum. Es kam zu Unruhen, ja Tumulten. Enttäuscht über den Misserfolg seiner Wahlkampagne einerseits, verärgert über die Proteste und Unruhen der Katholikenmehrheit andrerseits wandte sich Josef Weibel am 7. Januar an das kantonale Polizeidepartement und behauptete in verantwortungsloser Manier, die Proteste gegen die neue Verfassung seien hinter den Mauern des Klosters Muri geschmiedet worden. Er beantragte einen Hochverratsprozess gegen den Murianer Bezirksarzt und Klosterapotheker Dr. Johann Baptist Baur und Bezirksrichter Xaver Suter von Meienberg und schlug vor, eine grossangelegte Verhaftungswelle in die Wege zu leiten.

Hier ein Auszug aus seinem Schreiben:

„Auch die Mitglieder des Bünzener Komitees[1] müssen einer Kriminaluntersuchung unterworfen werden. Die ganze Sippschaft muss zur gleichen Zeit und zur gleichen Stunde, nämlich Sonntag, 10. Januar, 4 Uhr morgens festgenommen und ihre Papiere beschlagnahmt werden. Das wird wirken!“

So schrieb der Klosterfeind und Katholikenhasser an das Polizeikommando.

„Es muss eine grossartige Demonstration von der tiefgekränkten Staatsgewalt ausgehen, damit der gute Bürger wisse, dass seine Regierung den Mut und den Willen besitze, gegen Meuterer am Staatsleben das Schwert der Gerechtigkeit zu üben. – Kurz, geschieht jetzt nicht etwas Grosses oder Entscheidendes, so wird der Kanton Aargau noch lange ein sieches Leben führen, bis er vom Gift zernagt sein wird, das die Schlangen in seinem Herzen ausspeien. Entschlossen! Jetzt ist der Moment günstig. – Der Freiämter fürchtet nur die fühlbar überlegene Kraft.“

Des Weiteren verlangte er die Entsendung von Scharfschützen zur Bewachung der Gefangenen, eines Regierungskommissärs und vier Regierungssekretären. Der radikale Regierungsrat und Bezirksamtmann von Bremgarten, Joachim Wey, sollte die Verhaftungen in seinem Bezirk mit Hilfe der Schutzvereinigung vornehmen, Weibel selbst sollten zu diesem Zwecke zwölf Landjäger für die Verhaftungen im Bezirk Muri zugewiesen werden. Seinen Freund Augustin Keller bat der Scharfmacher gleichzeitig, die Regierung dazu zu drängen, Waller als Regierungskommissär gegen „dieses Lumpenpack“ einzusetzen.

„Ich schlage der Regierung vor“, schriebWeibel ausserdem, „eine Proklamation an das Volk ergehen zu lassen und zu erklären, dass die Scharfschützenkompanie mit den Gefangenen in das Kloster als dem offenbaren Hauptsitz der Reaktion verlegt worden sei. Das katholische Volk, durch jesuitische Umtriebe vergiftet, wird sich nur durch energische Kraftentwicklung des Staates wieder regierungstreu zu verhalten vermögen.“

Die Regierung, angetrieben und überredet durch leidenschaftliches Drängen eines übereifrigen Staatsbeamten, stimmte Weibels Ansinnen zu und beschloss eilig, die Mitglieder des Bünzener Komitees in den Bezirken Bremgarten und Muri durch die Bezirksamtmänner Wey und Weibel verhaften zu lassen.

Dem Murianer Löwenwirt und Kommandanten der Bürgerwache, Silvan Müller, der am Abend des 9. Januar von einer Reise nach Aarau zurückkehrte, kam die sich abzeichnenden Verhaftungswelle zu Ohren. Er verbreitete die Meldung in Muri und orientierte auch Abt Adalbert, der den Klosterarzt und Apotheker Dr. Baur vorwarnte. Im Volk entstand grosse Unruhe.

Als in Bremgarten Regierungsrat und Bezirksamtmann Joachim Wey erfuhr, dass das Gerücht von bevorstehenden Verhaftungen in Umlauf war, verhaftete er schon am Samstagabend Jakob Ruepp, Anton Weissenbach und Gemeindeschreiber Ferdinand Hagenbuch von Lunkhofen und liess sie im Bezirksamt einkerkern. Der ebenfalls zur Verhaftung ausgeschriebene Stadtrat Heinrich Weber konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Weibel hatte inzwischen erfahren, dass die für seinen Bezirk geplante Ver-haftungswelle aufgeflogen war, und wagte nicht zur Tat zu schreiten, sondern liess sich in kalter Winternacht mit einem Expressschlitten nach Aarau fahren und bat Landammann Ludwig Berner um militärische Hilfe. Sofort trat der Regierungsrat zusammen. Mit militärischem Eingreifen wartete er einstweilen zu und begnügte sich damit, Regierungsrat Franz Waller mit einer Sicherheitsentourage als Regierungskommissär nach Muri zu entsenden.

Am Sonntagmorgen, 10. Januar, um 9 Uhr trafen Waller und Weibel, beschützt durch Landjäger, Schutztruppen und Staatsbeamte, beim Amtshaus Muri ein. Waller wies die umliegenden Ortschaften an, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, ansonsten militärische Besetzung drohe. Weibel schritt zur Verhaftung des Klosterarztes Dr. Baur, der ihm besonders verhasst war, weil er die beliebte klösterliche Apotheke führte und für ihn somit Konkurrent war. Gewarnt durch Abt Adalbert aber konnte Baur rechtzeitig nach Schwyz entfliehen und sich dort in Sicherheit bringen. Statt seiner wurde Grossrat und Pfleger Burkhard Meyer von Birri verhaftet, als er im Begriff war, Baurs Haus zu betreten. Kurz darauf stellte sich nach dem Verlassen des Sonntagsgottesdienstes Gerichtsschreiber Johann Frey freiwilligzur Haft. Die beiden Verhafteten wurden ins Amtshaus abgeführt. Kaum eine Viertelstunde später rückte eine aufgebrachte Menge, mit Keulen, Beilen und Pistolen bewaffnet, und Hunderte von Kirchgängern, unter ihnen auch Klosterknechte, gegen das Amtshaus vor. Als die Lage zu eskalieren drohte, begab sich Waller um elf Uhr mit Staatsweibel und Polizeichef ins Kloster hinüber und verlangte, zum Abt geführt zu werden. Er bat diesen um Mitwirkung bei der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung.

„Bitte sorgen Sie dafür“, bat er den Abt, „dass die Leute, die sich vor dem Kloster, dem Amtshaus gegenüber, angesammelt haben, weggeschickt werden.“

Darauf stieg Waller mit dem Abt die Treppe gegen den südlichen Hofraum hinunter. Da kam ihnen der halbe Konvent entgegen. Die Mönche glaubten, Abt Adalbert sei ebenfalls gefangen genommen worden. Doch der Prälat be-ruhigte sie, blieb bei ihnen und schickte statt seiner den Hofbruder Urban Flori ab. Beim Amtshaus angekommen, forderte dieser die Klosterknechte auf, ins Kloster zurückzukehren. Mit Mühe konnte Waller im Schutze seiner martialischen Entourage das Amtshaus betreten. Die Wut des Volkes begann sich zu steigern. Die bewaffnete Menge rückte immer näher gegen das Amthaus vor und verlangte unter Geschrei und Verwünschungen die Herausgabe der Gefangenen. Jetzt liess Waller den freiwillig inhaftierten Grossrat und Gerichtsschreiber Johann Frey ans Fenster treten und befahl ihm, das Volk zu beruhigen und nach Hause zu schicken. Kaum war er ans Fenster getreten, brüllte die Menge: „Nieder mit Waller! Nieder mit Weibel!“

Schreiend drang das Volk ins Amtshaus ein.

Auf der Treppe stellte sich Waller mit seinen Landjägern den Eindringlingen entgegen, hielt sie eine Weile lang in Schach und drohte zu schiessen. Als er sich immer mehr in die Defensive gedrängt sah, floh er ins Gerichtszimmer, während sich die Eindringlinge auf seine Landjäger stürzten und diese entwaffneten. Da zwängte sich Gemeinderat Marin Stierli von Aristau ins Gerichtszimmer und bot Waller jegliche Hilfe an. Er brachte ihn ins obere Stockwerk. Dabei erhielt Waller von der nachdrängenden Menge einen Schlag auf den Hinterkopf.

Im Zimmer des oberen Stockes wurde er von Gerichtsschreiber Johann Frey, Silvan Müller und Marin Stierli gegen die vorrückende Menge beschützt, während die tobende Masse die inhaftierten Freiämter befreite und statt ihrer die Regierungsbeamten gefangen nahm und einsperrte. Johann Frey bot Waller sein Haus als Zufluchtsort an, Silvan Müller das Haus seines Vaters. Unter Einsatz seines Lebens rettete Silvan Müller den Regierungsrat schliesslich in das Haus von Johann Frey.

Regierungsrat Franz Waller wird im Amtshaus von Muri von der aufgebrachten Menge festgehalten
Regierungsrat Franz Waller wird im Amtshaus von Muri von der aufgebrachten Menge festgehalten
Nachkolorierte Federlithographie

„So verliess ich das Gefängnis“, schrieb Waller später, „und folgte meinen Rettern, die mich wirklich unter eigener Lebensgefahr gegen den Andrang des mordlustigen Haufens schützten und in Freys Haus brachten.“

Bezirksamtmann Dr. Josef Weibel war inzwischen in Meienberg eingetroffen, wo er Bezirksrichter Xaver Suter verhaften wollte. Dort wurde er von einer höhnenden Menschenmenge empfangen, im Wirtshaus festgehalten und am Montagmorgen in einem Schlitten nach Muri zurückgebracht.

Als noch am Sonntagmorgen in Bremgarten die Verhaftung Jakob Ruepps, Anton Weissenbachs und Gemeindeschreiber Ferdinand Hagenbuchs von Lunkhofen bekannt wurde, zogen die Landleute zu Hunderten, mit Knütteln, Hellebarden und Flinten bewaffnet, in die Stadt und umstellten das Bremgarter Rathaus. Bezirksamtmann Wey, beschützt von Schutzverbändlern und Landjägern, trat ans Fenster des Rathauses und schrie:

„Geht nach Hause, ihr Rebellen, eure Führer bleiben in Haft!“

Bremgarten
Bremgarten Schodeler Chronik 1443 (Ausschnitt)

Da zwängte sich das Volk im Sturm die Rathaustreppe hinauf. Einer rief:

„Wir lassen uns nicht mundtot machen!“

Wey, der sich noch immer stark genug fühlte angesichts der ihn umgebenden Schutzvereinler und Landjäger, schrie:

„Fort mit euch, ihr Aufrührer! Fort mit euch!“

Auf seine Autorität pochend, ging er herrisch auf einen von ihnen los und fuhr ihn drohend an:

„Wie heisst du?“

Da packte der Angesprochene den Bezirksamtmann am Kragen und fauchte ihn an:

„Spricht man so zum souveränen Volk??“

Ein zweiter schlug den Amtmann mit einem Prügel zu Boden. Jetzt fiel ein Schuss und durchstreifte Weys Weste.

Am Boden liegend, befahl Wey endlich, die Inhaftierten freizulassen.

Nach wenigen Minuten waren die Gefangenen befreit und wurden vom Volk triumphal empfangen. Die Landjäger und Schutzvereinler stieben auseinander. Die Befreiten begaben sich in die Wohnung von Fürsprech Anton Weissenbach. Einem Arzt gelang es, den blutüberströmten Bezirksamtmann in seine Praxis zu retten und dort ärztlich zu versorgen. Zum Zeichen des Triumphes errichteten die jubelnden Landleute vor dem Rathaus einen Freiheitsbaum. Die Schutzvereinler versteckten sich, um der Rache der tobenden Menge zu entgehen. Es waren aber ausgerechnet die Freigelassenen, die sich für die verfolgten Schutzvereinler einsetzten und eine weitere Eskalation verhindern konnten. So flohen einige von ihnen in die Wohnung des angesehenen Anton Weissenbach und fanden dort sichere Zuflucht. Alsbald fand sich auch Pfarrer Knecht von Zufikon ein, welcher den Vorschlag machte, den katholischen Stadtrat Blunschli von der Zürcher Regierung um Vermittlung zu ersuchen. Der Vorschlag gefiel, und Fürsprech Weissenbach erreichte, dass eine eilig von Zürich abgesandte Delegation nach Aarau fuhr, dort aber nur ausweichende Antwort erhielt.

Im Laufe des Sonntags mobilisierte der befreite Jakob Ruepp die waffenfähigen Männer seines Bezirkes, um einerseits die Stadt zu verteidigen und andrerseits den gerüchteweise vorrückenden Regierungstruppen entgegenzutreten. Einzelne Offiziere schlossen sich den Aufständischen an, aber die höheren Offiziere folgten ihnen nicht, auch viele der politischen Führer gaben sich nur widerstrebend dazu her. Die Lage der Aufständischen war ohnehin schlecht. Es fehlte an Kriegsgerät, es war kein Oberkommando da, es bestand kein eigentlicher Feldzugsplan. Es herrschte auch keine Einigkeit darüber, wohin die Truppen ziehen sollten: an die Bezirksgrenze, nach Baden, nach Aarau …? Das Bünzer Komitee hatte auch nie ernsthaft eine militärische Auseinandersetzung in Erwägung gezogen. Einige Anführer rieten, angesichts dieser einseitigen Lage mit der Regierung zu verhandeln. Selbst Fürsprech Weissenbach sprach diesem Vorschlag das Wort.

Schliesslich zogen die Protestierenden nach Wohlen, wo sie von einer jubeln-den Menschenmenge begrüsst wurden und die Schutzvereinler die Flucht ergriffen. In Villmergen trafen sie auf einige Aufständische, die von Muri kamen, unter ihnen auch Offiziere.

Um 4 Uhr nachmittags bestellte in Muri Verwalter Lindenmann einen Eil-boten und schickte ihn mit einem Schlitten nach Aarau, um die Regierung zu informieren, dass gegen die Verhaftungen Widerstand losgebrochen und Klosterknechte daran beteiligt gewesen seien. Der Bote trieb das Pferd zu solchʼ rasendem Galopp an, dass es darob erkrankte und auf Staatskosten teuer entschädigt werden musste. Die Meldung des Eilboten war für die Regierung nichts Neues, sondern höchstens eine Bestätigung, dass ihr Plan aufgegangen war, die Bevölkerung zu provozieren, militärisches Eingreifen zu rechtfertigen und so ganz nebenbei die Klöster aufzuheben, die die Schuld am Ganzen hätten …

Zum geplanten Militärschlag erhob die Landesbehöde Regierungsrat Friedrich Frey – Herosé in den Rang eines Obersten und stellte ihn an die Spitze der Aargauer Regierungstruppen. Seine militärischen Operationen sollte er von Lenzburg aus starten. Sogleich erfolgte die Mobilmachung, und es wurde um Verstärkung durch Zürcher, Berner und basellandschaftliche Truppen ersucht.

Gegen Abend traf im Kloster Muri Pater Alberik Zwyssig ein, der sich auf dem Weg nach Schwyz befand, um den dortigen Nuntius zur Benediktion Abt Leopolds persönlich einzuladen. Beim Nachtessen mit Abt Adalbert, Küchen-meister P. Augustin und Alberiks Freund, Zeichenlehrer P. Leodegar Kretz (Abb. S. 556), erzählte der Wettinger Abtsekretär von seiner Fahrt nach Muri:

„Als wir das Kloster Wettingen verliessen, erlebten wir die erste Überraschung. Von Zürich her näherten sich stark bewaffnete Truppen. Ein Offizier erklärte uns beiden“ – und er zeigte auf seinen Kutschenlenker Konstantin – „dass die Aargauer Regierung sie zur Niederschlagung eines Aufstandes aufgeboten habe.

,Hier in Wettingen?ʼ fragte ich.

,Nein, im Freiamt. Wir haben Weisung, uns in Lenzburg zu melden.ʼ

Kaum waren wir in Baden, wurden wir von den Schutzvereinlern aufgehalten, untersucht und drangsaliert. Als ich den Grund unserer Reise nannte, spottete deren Präsident Friedrich Bürli:

,Ihr hättet gar keinen Abt mehr wählen sollen, ihr werdet bald erleben wieso!ʼ Auch in Mellingen pöbelten uns die Schutzvereinler an und zeigten stolz ihre Waffen, mit denen sie die Regierung ausgestattet hatte. In Lenzburg beo-bachteten wir grosse Truppenbewegungen. Wir konnten aber unbehelligt wei-terreisen und sind jetzt wohlbehalten hier …“

Plötzlich trat aufgeregt Schaffner Huwiler in den Raum und berichtete in fieberhafter Erregung:

„Das Volk begehrt Einlass ins Kloster. Es will den Verwalter Lindenmann abholen!“

„Um Gottes Willen“, seufzte der Abt und schickte Huwiler ab, das Volk zu beruhigen. P. Leodegar begleitete ihn.

Doch es war schon zu spät. Sonntagnachts um 22 Uhr sprengte die Menge die Türe zur im Klostergasthof gelegenen Wohnung des verhassten Klosterguts-verwalters auf und drang ein. Vergeblich versuchten P. Leodegar und Schaff-ner Huwiler die Eindringlinge wegzuweisen. Der Verwalter erhielt einen Streich auf den Kopf und blieb wie tot liegen. P. Leodegar und Schaffner Hu-wiler kümmerten sich mit aller Humanität um den Verletzten und brachten ihn später zu Johann Frey. Dort brach Lindenmann in Tränen aus ob der ihm erwiesenen Fürsorge und Pflege, vor allem durch P. Leodegar. Er entschuldigte sich für seine klosterfeindliche Tätigkeit und bat um Verzeihung.

Jetzt zog die Menge tobend zum Unterverwalter Josef Müller. Doch Klosterbruder Huwiler vermochte den sich krank stellenden und vor Todesangst zitternden vor der Meute zu beschützen. Unter lebensaufopferndem Einsatz von Silvan Müller konnte der arg Bedrängte ebenfalls ins Haus von Johann Frey gerettet werden.

„Ach Gott, was soll noch alles geschehen!“ klagte der Abt, als ihm die Vorfälle gemeldet wurden, und schickte seinen Sekretär Josef Leonz Abt in die Wohnung Lindenmanns. Dort überzeugte sich dieser, dass weder der Verwalter noch sein Stellvertreter tödlich verletzt waren.

Lindenmann gestand ihm, er habe am Nachmittag einen Expressschlitten nach Aarau beordert. Auch gab er zu, soeben noch einen weiteren Boten abgesandt zu haben. Der Sekretär des Abtes dachte für sich, Lindenmann sei dabei beobachtet oder abgehört worden. Nur so konnte er sich den Volkszorn erklären.

Niemand erahnte in diesem Moment, dass Lindemanns Kuscherei vor der Re-gierung noch in derselben Nacht eine weitere regierungsrätliche Sitzung zur Folge hatte, die für das Kloster Muri von verheerender Auswirkung war …

Die Regierung beschloss nämlich abends um halb zehn Uhr, den Abt und die Mitglieder des Konvents, Mann für Mann, persönlich für die Gefangennahme der Staatsbeamten verantwortlich zu machen.  

Alberik Zwyssig verbrachte die Nacht im Kloster, vor dem in dieser Nacht die Wachen verstärkt worden waren. Es war eine unruhige Nacht, besonders für Abt Adalbert. Zweimal suchte ihn Löwenwirt Silvan Müller, der Kommandant der Bürgerwache auf, um ihn über die weiteren nächtlichen Vor-gänge zu informieren. Am Montagmorgen, 11. Januar wurde der Prälat um fünf Uhr durch ein Türklopfen geweckt.

Das Kloster Muri von Südosten («Morgenseite») aus gesehen, links des Klosters das Amtshaus, im Hintergrund der Lindenberg
Zeichnung von Pater Leodegar Kretz 1840. Lithographie von Joseph Tschümperlin, zVg: Kollegium Sarnen

„Gnädiger Herr“, sprach der im Schein einer brennenden Kerze eintretende Abtsekretär Josef Abt, „aus Aarau ist eine Depesche eingetroffen. Sie müssen den Empfang bestätigen.“

Der Abt setzte seine Unterschrift unter die Empfangsquittung und begann zu lesen. Als er die ersten Zeilen überflogen hatte, sagte er zu seinem Sekretär:

„Bleiben Sie hier, lesen Sie, was die Regierung schreibt!“

Josef Abt las das Schreiben und erbleichte.

Nur mit Mühe brachte er stammelnd hervor:

„Die Konventualen sollen unter die Anklage des Hochverrats gestellt und abgeurteilt werden …“

„Nun ist also eingetreten, was ich nie zu glauben gewagt habe. Jetzt leuchtet mir ein, dass wir – ich und mein Konvent – von der Regierung missbraucht und als Verantwortliche für die durch die vielen Verhaftungen provozierten Unruhen zur Rechenschaft gezogen werden sollen …“

„Obwohl unsre Leute die von der Meute gefangen genommenen Staatsbeamten unter persönlichen Schutz gestellt haben!“

„Ich werde jetzt eine Heilige Messe lesen. Sind Sie bereit, mir zu ministrieren?“

„Aber gerne.“

„Nachher benachrichtigen Sie bitte meinen Beichtvater und rufen Sie anschliessend meine Mitbrüder zusammen. Vielen Dank, Josef!“

Um sechs Uhr war der Konvent versammelt. Angesichts der höchsten Gefahr stellte Abt Adalbert den Konventualen frei, aus Furcht vor Gewalttätigkeiten die Flucht zu ergreifen.

Silvan Müller wurde vom Inhalt der Depesche und dem Beschluss des Abtes, dass die Mönche angesichts der drohenden Gefahr die Erlaubnis zur Flucht hatten, in Kenntnis gesetzt. Er konnte es nicht wahrhaben, was dem Konvent bevorstehen sollte. „Sein“ Abt, „seine“ Mönche sollten als Verbrecher vom Kloster abgeführt und des Hochverrats beschuldigt werden!

Der ebenso zuverlässige wie auch übereifrige Kommandant der Ortswache wollte die Freiämter Bevölkerung zu Hilfe rufen und liess sich zu einer äusserst ungeschickten Tat hinreissen:

Zum grossen Leidwesen und Schrecken Abt Adalberts gab am frühen Montagmorgen auf Müllers Befehl Klosterschaffner Huwiler ohne Auftrag und Vorwissen des Klosters mit den Mörsern, die seit der Barockzeit an hohen Festtagen zur feierlichen Eröffnung der Feiern beigetragen hatten, einige Alarmschüsse ab. Klosterbruder Urban Flori vermochte die Tat nicht zu verhindern. Abt Adalbert, der die Schüsse selber auch gehört hatte, begab sich sofort zu Verwalter Lindenmann und Unterverwalter Josef Müller, um sich nach deren Befinden zu erkundigen und ihnen mitzuteilen, dass das Abfeuern der Schüsse ohne sein Mitwissen erfolgt sei.

In diesem Moment, zwischen halb acht und acht Uhr begannen in allen Pfarrkirchen des Freiamts die Sturmglocken zu läuten!

Im Kloster Muri läutete, wie jeden Morgen, lediglich das Kreuzglöcklein, das die Mönche zum Chorgebet zusammenrief. Die Turmglocken, wie später behauptet wurde, läuteten nicht!

Durch die Sturmglocken der Freiämter Pfarrkirchen wurden die wehrfähigen Mannschaften aus Muri und Umgebung zum Widerstand aufgerufen. In überstürzter Hast sammelte sich das Männervolk auf der Strasse, die von Boswil her am Kloster vorbeiführt. Unvorbereitet und ohne feste Ordnung zog der Landsturm etwa um halb elf Uhr gegen Villmergen.

Alberik Zwyssig war eben mit Bruder Konstantin weiter in Richtung Schwyz abgereist, da kamen von Bremgarten her, beunruhigt über das Läuten der Sturmglocken, Fürsprech Anton Weissenbach und Jakob Ruepp nach Muri. Sie besuchten die im Hause Johann Freys in Sicherheit gebrachten Staatsbeamten, beruhigten sie und sprachen ihnen Schutz, Hilfe und Sicherheit zu. Auch Bezirksamtmann Weibel war inzwischen in Freys Haus überbracht worden.

Seinen Rettern stattete Waller den gebührenden Dank ab.

„Meine Herren“, sprach der Regierungsrat, „Sie haben uns das Leben gerettet, ich danke Ihnen dafür. Wie kann ich mich Ihnen gegenüber erkenntlich zeigen?“

„Indem Sie uns die Regierungstruppen vom Hals halten“, schlug Silvan Müller vor. Johann Frey doppelte nach:

„Franz, du könntest einen Brief nach Aarau schreiben, dass ein Einschreiten von Regierungstruppen nicht erforderlich ist. Schreib, dass im Freiamt keine Aktionen gegen die neue Verfassung beabsichtigt seien.“ Weibel zwinkerte Waller heimlich zu. Dem durchtriebenen Regierungsrat, der genau wusste, dass die verstärkten Aargauer Truppen bereits mobilisiert waren, bereitete es ein zynisches Vergnügen, an die Regierung zu schreiben, dass keine Tendenzen gegen die Verfassung vorhanden seien. Silvan Müller trat vor die mit Sensen, Beilen, Knitteln[2], Stutzern, Flinten und Säbeln bewaffnete Horde und versuchte sie zum Rückzug zu bewegen.

„Waller hat versprochen, die Regierungstruppen von unserem Dorf fernzuhalten!“ brüllte der Löwenwirt und Kommandant der Ortswache in die Menge. Doch sie misstraute der Meldung und zog nur widerwillig ab. Die meisten drängten nach Villmergen, um sich den Verteidigern des Dorfes anzuschliessen und für einen möglichen Angriff Frey – Herosés gerüstet zu sein. Unter den Verbliebenen herrschte grosse Unklarheit und Verwirrung, ob sie sich mit den gefangenen Regierungsvertretern arrangieren und sich ihnen ergeben sollten, denn sie waren sich der Übermacht der Truppen Frey – Herosés sehr wohl bewusst.

In banger Sorge verlief der weitere Montagmorgen.

Im Kloster befürchtete man mit gutem Grund Schlimmes ob dieser sich  überstürzenden Ereignisse. Auf Anordnung Silvan Müllers konnten inzwischen alle festgesetzten Staatsbeamten in die Obhut des Klosters flüchten, wo sie vor weiteren Übergriffen geschützt waren. Zwei Konventualen machten von der Erlaubnis des Abtes Gebrauch, das Kloster zu verlassen.

Gegen Mittag rückten Aargauische Regierungstruppen unter Oberst Friedrich Frey – Herosé gegen Villmergen vor, und als um halb zwei Uhr Kanonendonner ertönte, verliessen die meisten Patres und Chorknaben[3] das Kloster. Den angreifenden Soldaten war eingetrichtert worden, die Freiämter wollten gegen den Rest des Aargaus in den Krieg ziehen. Entsprechend waren Freys Truppen motiviert, den Aufständischen eine Lektion zu erteilen.

Auf dem Langelenfeld zwischen Dintikon und Villmergen kam es zu einem Vorgefecht. Die wutentbrannten Freiämter empfingen die Jägerkompanie, die den Truppen Frey – Herosés vorausmarschierte, mit einer Salve von Stutzer-schüssen. Schon wandte sich Freys Vortrupp in die Flucht, da beorderte ihn der aargauische Feldherr unter Androhung schwerster Konsequenzen zurück. Rettend griff jetzt die Artillerie von Major Sauerländer ein, drängte die Freiämter zurück und feuerte gegen den Kirchturm, sodass die Sturmglocken augenblicklich verstummten. Die Verteidiger sahen sich in die Flucht gedrängt, und nach einer Stunde war das Gefecht entschieden. Zwei Regierungssoldaten und sieben Freiämter verloren ihr Leben. Oberst Frey besetzte darauf das Dorf Villmergen.

Am Dienstag brach ein Bataillon zur Einnahme Bremgartens und Wohlens auf, während Frey – Herosé gleichzeitig gegen Muri vorrückte.

„Dieser Dienstag“, schrieb Abt Adalbert später, „war wie ein Karfreitag um das Kloster als auch darinnen; alles öde und stille in banger Erwartung dessen, was da kommen werde.“

Im Verlaufe des Vormittags erschien, wie einst im November 1835, eine Menge verwahrloster Leute aus dem reformierten Aargau in der Nähe des Klosters, offenbar in der Meinung und Hoffnung, bei einer Plünderung und Schleifung des Klosters ihre mitgebrachten Säcke füllen zu können.

Kloster Muri von Nordwesten
Das Kloster Muri von Nordwesten («Abendseite») aus gesehen, rechts des Klosters Amtshaus und Kirche, im Hintergrund Albiskette, Alpen, Rigi
Zeichnung von Pater Leodegar Kretz 1840. Lithographie von Joseph Tschümperlin, zVg: Kollegium Sarnen

Währenddessen rüstete Frey – Herosé in Villmergen seine Truppen zum Marsch gegen Muri. Er glaubte, dort auf den konzentrierten Rest des Widerstandes zu stossen. Beim Anblick des Klosters brachen die Regierungssoldaten in ein so wildes Geschrei aus, dass man im Dorf das Schlimmste befürchtete. Frey – Herosé rechnete mit einem letzten verzweifelten Widerstand der Aufständischen und stellte seine Truppen auf der Lippertswiese in Angriffsposition. Doch der Widerstand blieb aus. Beim Kloster angelangt, wurden Frey und seine Truppen von Waller und Weibel stürmisch begrüsst und, wie auch in den kommenden Tagen, auf Kosten des Klosters bewirtet. Die aufgebrachte und gegen die Katholiken aufgehetzte protestantische Masse war inzwischen ebenfalls gegen das Kloster vorgedrungen. Die Plünderer gingen weiterhin davon aus, dass die Regierungstruppen das Kloster brandschatzten und erstürmten und dass bei der Plünderung ein Stück des Kuchens auf sie abfallen würde. In Reinach und Menziken im reformierten Bezirk Kulm war der Bevölkerung versprochen worden, durch die Verteilung des Klostergutes würden jedem Haushalt 500 Franken zufallen. Oberst Frey hielt die Plünderer für Freiämter und machte Abt Adalbert für die Unruhestifter verantwortlich. Doch dieser sprach zum Obersten:

„Diese Leute kommen aus reformierten Gegenden. Sie wurden gegen uns aufgehetzt und wollen das Kloster plündern! Herr Oberst, bitte weisen sie diese Leute zurück!“

Frey schickte die enttäuschten Volksmassen weg, doch jetzt erstürmten seine Soldaten den Weinkeller, betranken sich, übergaben sich, bis der Abt den Obersten um Ordnung bat.

Am Abend des ersten Besetzungstages, Dienstag, 12. Januar, begab sich Abt Adalbert zu Frey – Herosé, der sein Hauptquartier im Kloster aufgeschlagen und 600 Mann in den Klostergebäuden einquartiert hatte, und bat ihn drin-gend, für Ordnung zu sorgen. Frey – Herosé musste gestehen, dass es für ihn sehr schwierig sei, unter den ihm meist unbekannten Mannschaften militärische Ordnung herzustellen.

„Zudem“, fügte er an, „sind die Soldaten immer noch ergrimmt und aufgeregt, da bei Villmergen Blut geflossen ist!“

„Das Kloster hat daran keine Schuld“, verteidigte sich der Abt.

„Was, keine Schuld!?“ herrschte ihn der Feldherr an, „die Allgemeinheit ist vom Gegenteil überzeugt.“

„Die Untersuchungen werden beweisen, dass das Kloster keine Schuld trifft“, gab der Abt zurück und fuhr fort:

„Abgesehen davon geht es doch nicht an, dass die Soldaten zum Fenster hinaus urinieren, wenn meine Konventualen zu Kranken gehen. Sogar die Zürcher Soldaten beschweren sich über die Aargauer. Den Gang, der vom Kreuzgang zur Kirche führt, verwenden sie als Abort, nur um meine Mitbrüder zu ärgern, die diesen Weg am häufigsten begehen. Den marmornenen Weihwasserstein im Chor der Kirche verwenden sie als …“

„Genug der Beispiele!“ unterbrach barsch der Aargauer Feldherr den Abt und entliess ihn.

Indes liess der Oberbefehlshaber die Truppen gewähren. Während die Sol-daten den Weinkeller überfielen, bereicherten sich Oberste und Offiziere in den Klosterräumlichkeiten. Statt die Beute nach Aarau wegführen zu lassen, schmuggelten sie einen Teil derselben an Aarau vorbei Richtung Bern. Grössere Gemälde rissen sie aus den Rahmen und rollten sie ein, um sie besser transportieren zu können. War es kalt in den Räumen, beheizten sie die Öfen mit Büchern oder warfen sie zur Belustigung zum Fenster hinaus.

Ein Augenzeuge berichtet über das Treiben der Soldaten:

„Kaum waren die Truppen im Kloster eingezogen, musste der Wein strom-weise ausgeschenkt werden. Die angestrengteste Tätigkeit des Küfermeisters mit 8 – 10 Gehilfen konnte es kaum verhindern, dass der Keller von den Soldaten im Sturm eingenommen wurde. Mit Beschimpfungen, Drohungen, unter fürchterlichsten Flüchen verlangte die tobend heranwallende Flut nach Wein. ,Wir wollen vom besten Wein, wie uns versprochen wurdeʼ, schrien die Soldaten, ,die Pfaffen sollen den schlechten trinken!ʼ “

Auch in der Küche trieben sie ihr Unwesen, entrissen den Köchen jeden Bissen aus den Händen und Töpfen, bis einzelne Offiziere für Mässigung zu sorgen versuchten.


[1] Dr. Johann Baptist Baur war nicht Mitglied des Bünzener Komitees!

[2] Knüppel

[3] jene Studenten, denen 1835 erlaubt worden war, ihre Ausbildungszeit zu beenden (neue Studenten durften seit 1835 nicht mehr aufgenommen werden)