Leseprobe 1

Zeittafel

Kursiv Gedrucktes = nicht historisch

1797 Anna Maria Infanger möchte Nonne werden im Benediktinerinnenkloster Seedorf im schweizerischen Kanton Uri. Bereits trägt sie das weisse Gewand der Novizinnen.

1798 Die Franzosen überfallen die Schweiz und rufen die «Helvetische Republik» aus. Die Klöster werden besetzt und zu Staatseigentum erklärt. Sie werden zu Requirierungen gezwungen und müssen ungeheure Kontributionssummen abliefern. Der Wettinger Klosterökonom Benedikt Geygis versucht Kredite aufzunehmen, um die Forderungen der Franzosen zu erfüllen. Er besucht das Kloster Seedorf und erzählt vom barbarischen Wüten der Besatzer in seinem Kloster. Die Konventualinnen bringen ihr wertvolles Tafelsilber in Sicherheit. Anna Maria Infanger muss das Kloster verlassen, weil die Franzosen keine Novizenaufnahmen tolerieren.

Besonders brutal gehen die Besatzer gegen die Bevölkerung von Nidwalden vor, weil sie den Schwur auf die neue Verfassung verweigert hat.

Überfall der Franzosen auf das Kloster Seedorf

Angesichts der schrecklichen Ereignisse glaubte in Seedorf niemand mehr an die Möglichkeit einer Durchführung der Professfeiern für die drei Novizinnen, die vor einem Jahr ihren Willen bekundet hatten, dem Orden der Benediktinerinnen zu St. Lazarus beizutreten. Die Weihestunde hätte ursprünglich am 12. September 1798, dem Fest „Mariae Namen“, stattfinden sollen, war aber wegen der bevorstehenden Entwaffnung Uris verschoben, zwischenzeitlich sogar verboten und dank der Vermittlung des Abtes von Einsiedeln schliesslich auf das Rosenkranzfest vom 7. Oktober, das in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel, angesetzt worden.
Die Zeremonie sollte nach den uralten benediktinischen Regeln erfolgen. Novizenmeisterin Johanna Eberle studierte die einzelnen Phasen mit den drei Anwärterinnen wie bei einer Theaterprobe mehrfach ein.
„Wenn ihr euch vor die Äbtissin werft, streckt beide Hände aus, flach auf den Boden, nach vorne, nein, nicht gefaltet, leicht auseinander, so!“
Schwungvoll führte sie die demutsvolle Geste selber aus.
„So, nun zeigt es mir! … Ja, nicht schlecht. … Nein, die Finger nicht geschlossen, leicht ausgestreckt, aber nicht verkrampft … Ja, so ist es gut! Die Gnädige Frau wird euch dann fragen:
‚Was begehrt ihr?ʼ
Darauf antwortet ihr:
,Die Barmherzigkeit Gottes und des Ordens.‘
Darauf wird sie sagen:
,Steht auf im Namen des Herrn!‘ “
Gleich wurde die Szene durchgespielt, und die Novizenmeisterin nahm die Rolle der Äbtissin ein.
„Dann wird sie euch anstelle des weissen das schwarze Ordensgewand über-streifen und den schwarzen Schleier.“
Gespannt lauschten die Anwärterinnen den Anweisungen der Novizenmeisterin.
„Wenn ihr die Ordensgewänder übergestreift habt, bedankt euch mit einem demutsvollen Kopfnicken! Nach kurzer Stille werdet ihr die Gelübde ablegen; aber das üben wir das nächste Mal!“
Zur Professfeier waren sämtliche hohen weltlichen und geistlichen Würdenträger des Kantons Uri eingeladen. Einige kuschten vor den helvetischen Behörden, hatten Angst vor Repressalien und liessen sich entschuldigen. Gespannt wartete man im Kloster auf die Ankunft des 81-jährigen Fürstbischofs von Konstanz[1], der sich auf einer Visitationsreise befand. Es war ein Glücksfall, dass er die Einladung zur Professfeier in Seedorf angenommen hatte. Er sollte am Vortag des grossen Ereignisses im Kloster eintreffen. Das Gästezimmer war für den hohen Gast besonders prunkvoll ausgestattet worden. Der hochbetagte, aber noch sehr rüstige Kirchenmann hatte diese Reise angetreten, um vor seinem Eintreffen in Seedorf in einigen von der Aufhebung verschonten Klöstern seines Hoheitsgebietes seine Aufwartung zu machen. Zu seiner bitteren Enttäuschung hatte er auch die Zerstörungen im Kloster Einsiedeln mitansehen müssen.

Am Tage der Ankunft des Kirchenfürsten, am Samstag, den 6. Oktober 1798 spähte Bruder Bonifaz mit dem Fernglas nach dem festlich geschmückten Schiff, das den hohen Besucher von Brunnen nach Flüelen überführen sollte. Freudig vermeldete er der Äbtissin:

„Ich habe das Schiff gesehen, das den Bischof mitsamt seiner Prachtkutsche nach Flüelen fährt. Etwa um zwei Uhr wird er im Kloster eintreffen!“

Die Nonnen hatten ihr Bestes gegeben für einen herzlichen Empfang, und den Tisch für das Abendessen liebevoll mit Kerzen und Blumen geschmückt. Zwei Schwestern übten einige Musikstücke für die Tafelmusik ein und auch Äbtissin Isabella war bestens vorbereitet auf den hohen Besuch.

Bruder Bonifaz, Pförtner, Eilbote und Kundschafter in einer Person, stand am grossen Tor, lief mehrmals den Hang oberhalb des Klosters hinauf, um Ausschau zu halten, ob die Kutsche des Fürstbischofs schon zu sehen war, kehrte aber jedes Mal kopfschüttelnd zum Tor zurück. Die Uhr schlug zwei, drei…

Als die Zeiger gegen vier Uhr kletterten, begann sich der «fünfzehnte Nothelfer» Sorgen zu machen. Nochmals ging er den Hang hinauf.

,Jetzt muss er doch kommen‘, murmelte er vor sich hin.

Doch was er jetzt zu sehen bekam, verschlug ihm die Sprache. Statt der erwarteten erzbischöflichen Kutsche stürmte von der Ebene her eine Horde französischer Soldaten auf das Kloster zu. Sofort rannte er zum Tor zurück und stellte sich heldenhaft davor, mit einer eiligst herbeigeschafften Hellebarde standhaft den Eingang verwehrend.

Eine Schwester traf im Gästezimmer die letzten Vorbereitungen. Als sie Bruder Bonifaz in wilder Aufregung dem Tor zurennen sah, glaubte sie schon, es werde gleich die Kutsche des Fürstbischofs eintreffen. Schnell huschte sie auf die andere Seite des Gästezimmers, von wo aus sie die Ebene vor dem Kloster überblickte.

„Um Gottes Willen, Jesus und Maria, das sind ja Franzosen!“ entfuhr es der entsetzten Nonne.

In Windeseile verständigte sie die Äbtissin.

„Gnädige Frau, die Franzosen kommen!!“

„Also doch“, nahm Isabella Fornaro die nicht ganz unerwartete Mitteilung zur Kenntnis.

In grösster Aufregung schwirrte die völlig verstörte Schwester durch die Räume des Klosters, überbrachte allen Konventualinnen die Schreckensnachricht vom Heranmarsch der Franzosen und wies sie an:

„Schnell, begebt euch ins Refektorium!“

Es hatte eben vier Uhr geschlagen, als die Angehörigen der Ordensgemeinschaft zu Sankt Lazarus im Refektorium in grösster Spannung auf die Worte der Äbtissin warteten. Gefasst hub sie an:

„Liebe Mitschwestern! Angesichts der drohenden Gefahr bleibt uns nichts anderes übrig, als der Gewalt zu weichen. Wir sind wehrlos und gezwungen, das Schicksal, das Gott für uns bestimmt hat, anzunehmen und es mit Würde zu tragen. Wir bleiben hier und warten auf die Ankunft der Franken.“

Diese liess nicht lange auf sich warten. Schon ertönte wilder Lärm und Kriegsgeschrei. Plötzlich ertönte ein Schuss, dann hörte man das Knarren des Eisentores. Der Lärm kam näher und näher. Offenbar hatten die Franzosen Kenntnisse von den Räumlichkeiten des Klosters. Dafür hatten die helvetischen Kommissäre gesorgt. Das markerschütternde Schlagen eines Gewehr-kolbens an die Türe zum Refektorium war der offenkundige Beweis, dass die Besatzer den Aufenthaltsraum der Nonnen kannten. Die durch die Worte der Äbtissin gestärkte Klostergemeinschaft stand gefasst in einer Reihe an der talseitigen Wand des Refektoriums, während die ersten Eindringlinge den Raum erstürmten und mit ihren Gewehrkolben den festlich geschmückten Tisch zu verwüsten begannen, Scheiben zertrümmerten und Bilder von den Wänden rissen wie jenes des von den Franzosen entmachteten Papstes[2], dessen Portrait sie mit den aufgepflanzten Bajonetten verkratzten oder das Ölbild des Abtes von Einsiedeln, das sie mehrfach durchstachen und zerfetzten.

Abt Beat Küttel von Einsiedeln 
zVg: Kloster Einsiedeln
Abt Beat Küttel von Einsiedeln
zVg: Kloster Einsiedeln

Als ob es noch eines weiteren Beweises der offensichtlichen Überlegenheit bedurft hätte, stemmte sich der Anführer der Truppe breitbeinig vor die an ihrem Brustkreuz erkenntliche Äbtissin und versuchte in gebrochenem Deutsch den Grund seines Überfalls zu erklären.
„Sie können ruhig französisch sprechen, wir alle sind Ihrer Sprache mächtig“, liess sich in klarem Ton die Äbtissin vernehmen. Erstaunt hielt der Kommandant kurz inne, nahm eine Schriftrolle hervor, überflog sie kurz und gebot in barschem Ton:

„Wir haben vernommen, dass in Ihrem Kloster Novizinnen aufgenommen wurden. Das ist verboten! Die Novizinnen haben das Kloster unverzüglich zu verlassen. Der Bischof von Konstanz wurde über unsere Massnahmen in Kenntnis gesetzt.“

„Mitkommen!“ schrie ein weiterer Angehöriger der rüden Truppe, polterte auf die weiss gekleideten Novizinnen zu und zerrte sie aus dem Raum.

„Wir sehen uns gezwungen“, sprach die Äbtissin, „der Gewalt zu weichen. Schweren Herzens müssen wir Ihre Anordnungen befolgen, bitten Sie aber, das Kloster wieder zu verlassen. Wir sind eine friedliche Gemein …“

Noch bevor sie den Satz vollenden konnte, brach unter den Eindringlingen verächtliches Hohngelächter aus.

„Non, Madame!“ höhnte der Kommandant, „wir benötigen Ihr Kloster als Kaserne. Wir werden hier Ihre wehrfähigen Landsleute ausheben und ausbilden zum Kampf gegen die Österreicher, die sich unseren revolutionären Zielen entgegenstellen.“

Darauf war die Äbtissin nicht gefasst und sie musste alle Kräfte zusammenreissen, die Beherrschung nicht zu verlieren.

„Und was geschieht mit uns?“

„Wir werden uns schon irgendwie arrangieren“, grinste der Kommandant, „aber nur wenn Sie unseren weiteren Forderungen nachkommen und für unsere und unserer Pferde Verpflegung sorgen. Einige meiner Leute werden ab sofort bei Ihnen Quartier beziehen. Sie haben bis heute Abend Zeit, die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Die Novizinnen werden wir mitnehmen und der französischen Kommandantur in Altdorf übergeben, die über ihr weiteres Schicksal entscheiden wird.“

„Allez!“ schrie er den Soldaten zu, wandte sich zur Türe und schritt den drei verängstigten Novizinnen voraus, über Treppen, durch Gänge, das innere Tor und schliesslich dem Klosterportale zu.

Dort wälzte sich in einer Blutlache der sterbende Bruder Bonifaz, den die brutalen Eindringlinge erschossen hatten, nachdem ihnen der tapfere Verteidiger des Klosters den Zutritt verwehren wollte.

Während einige Soldaten und Offiziere zurückblieben, trat der Rest der Truppe mit seiner Beute, den drei Novizinnen, den Rückweg Richtung Altdorf an, wo die jungen Frauen der französischen Kommandantur übergeben wurden. Dort wurden sie wie Verbrecherinnen behandelt, verhört, verhöhnt, erniedrigt und am Ende mit schäbigen Kleiderfetzen in ihre Wohnorte verjagt, nachdem man ihnen die weissen Novizinnengewänder gewaltsam entrissen hatte.

Annemarie wandte sich zunächst ihrem Onkel zu, der oberhalb von Altdorf wohnte, erhielt dort ordentliche Kleider und verbrachte die Nacht in der Wohnung des von den Franzosen abgesetzten Dorfschreibers. Die beiden anderen Novizinnen fuhren Richtung Gotthard. Der Kutscher verzichtete auf den Fuhrlohn, nachdem ihm die beiden Frauen von ihrem Schicksal erzählt hatten.

Am andern Morgen fuhr Annemaries Onkel seine noch immer völlig verstörte Nichte nach Flüelen. Am Landesteg lagen die zertrümmerten Teile einer Kutsche. Sie stammten vom Gefährt des Fürstbischofs, der von den Besatzungstruppen festgehalten wurde und unter strengsten Auflagen seine Rückreise antreten musste. Entsetzt und angewidert bestieg Annemarie den Kahn, der sie zurückfuhr in ihren Heimatort Bauen.

Auf schnellstem Wege strebte sie ihrem Elternhause zu. Tränenüberströmt umarmte sie ihre Liebsten und berichtete von dem Leid, das ihr widerfahren war. Es dauerte Wochen und Monate, bis sie die fürchterlichen Ereignisse, die sich während eines einzigen Nachmittags zugetragen hatten, verarbeiten konnte.

Das Kloster Seedorf war der Willkür der französischen Besatzer weiterhin ausgesetzt. Die Schikanen häuften sich, den meist gewaltsamen Requisitionsforderungen nach Stroh, Heu, Futtermitteln war immer schwerer nachzukommen, und dauernd wurden Fuhrwerke verlangt. Über Wochen und Monate mussten Franzosen einquartiert und verpflegt werden.


[1] Maximilianus Augustinus von Rodt

[2] Pius VI