Zeittafel
1841 bis 1843 Sämtliche Proteste bei der eidgenössischen Tagsatzung (Bundesversammlung) gegen die Klosteraufhebungen verhallen wirkungslos. Zwar werden vier Frauenklöster 1843 wiedereröffnet, aber nur in der geheimen Absicht, sie später wieder zu schliessen.
Der Luzerner Maler Johann Bucher malt ein kleinformatiges Ölportrait von Alberik Zwyssig. Der konservative Joseph von Schmid, Schlossherr von Böttstein im unteren Aaretal erzählt Alberik Zwyssig, wie er von der Aargauer Regierung verfolgt wurde.
Joseph Vettiger, einer der letzten Wettinger Klosterschüler, bestellt bei Alberik Zwyssig ein Studentenlied, das an der 3. Jahresversammlung des Schweizerischen Studentenvereins aufgeführt wird.
1844 Die Jesuitenhetze, schon vor den Klosteraufhebungen durch Augustin Keller entfesselt, findet in der Berufung von sieben Jesuiten an die höheren Schulen von Luzern ihren Höhepunkt. Zwei bewaffnete Jesuiten- oder Freischarenzüge gegen Luzern (Dezember 1844 und März 1845) enden ergebnislos.
Jesuitenhetze
Die folgenden Kapitel unter Verwendung der Schrift von P. Ferdinand Strobel
«Die Jesuiten und die Schweiz im 19. Jahrhundert»
Mitte April 1844 traf in St. Karl die traurige Nachricht vom Tode des Wettinger Priors Pater Bernhard Huser ein. Abt Leopold, die Jahrgänger Martin und Ludwig, die Brüder Konstantin und Vinzenz, die zu diesem Zeitpunkt in Buonas und in St. Karl lebten, fuhren gemeinsam zur Beerdigung. In Gnadenthal stieg noch Theologieprofessor Pater Peter Schmid zu, der nach seiner Romreise als Beichtvater und Seelsorger im wiedereröffneten Frauenkloster wirkte.
Die Trauerfeier für den verstorbenen Prior fand in der Sebastianskirche Wettingen statt und bot den Konventualen die Gelegenheit eines Zusammentreffens mit Pfarrer Bumbacher und der Wettinger Dorfbevölkerung, die den vertriebenen Mönchen noch immer grosse Anhänglichkeit bekundete. Auf dem Rückweg von der Beerdigung ernannte Abt Leopold den 46-jährigen Staretschwiler Martin Reimann zum Nachfolger des verstorbenen Wettinger Priors[1].
Wieder zurück in St. Karl wurde Alberik Zwyssig in Zug als Experte beigezogen, als es um die Renovation der Orgel zu St. Oswald ging, wo er als Musikdirektor tätig war. Er begutachtete die 80-jährige, 26 Register, doppelte Klaviatur und starkes Pedal aufweisende Orgel und empfahl einen totalen Umbau, der allerdings aus finanziellen Gründen noch um Jahre verschoben werden musste.
Mit grosser Sorge sahen in St. Karl und im Schlösschen Buonas die Wettinger Konventualen der Sommertagsatzung des Jahres 1844, die wiederum in Luzern stattfand, entgegen, war doch ihr Schicksal mit demjenigen der Jesuiten schicksalhaft verknüpft. Im schweizerischen Pressewald gingen der Bundesversammlung konservative Lobeshymnen auf die Jesuiten voraus, andrerseits brandete von radikaler Seite her eine erneute unsägliche Jesuitenhetze auf.
Besonders beunruhigend war die Kunde, dass der Lenzburger Seminardirektor Augustin Keller in seiner Rede vor dem Grossen Rat in Aarau am 29. Mai 1844 erneut die Aufhebung und Ausweisung des Jesuitenordens durch sämtliche Kantone der Schweiz forderte, was er schon bei seinem Antrag auf Aufhebung der aargauischen Klöster verlangt und in einer Rede vor dem Grossen Rat des Kantons Aargau im Januar 1842 wiederholt und im Juni am Eidgenössischen Sängerfest in Aarau durch ein «Hoch auf die Jesuitenvertreibung» bekräftigt hatte.
„Ich habe noch etwas auf dem Herzen“, führte er am 29. Mai in seiner Grossratsrede aus, „das will ich vorbringen. Warum und woher die stets sich wiederholenden Ereignisse im Vaterlande seit einem Dezennium? Ich meine die Jesuiten.“
In längeren Ausführungen ging er dann auf die „schaurigen Verbrechen“ dieses Ordens ein, der an Hand der Religion den Menschen zum Tier und zur Furie mache und für das traurige Ereignis im Wallis[2] die Grundursache sei. Es folgte ein Sammelsurium aus anti-jesuitischen Pamphleten der letzten Jahrhunderte und zum Schluss der Antrag, die Regierung solle an sämtliche Stände das Begehren um Aufhebung des Jesuitenordens und seine Ausweisung aus der Schweiz stellen. Kellers Antrag wurde mit 123 gegen 42 Stimmen angenommen, und schon wenige Tage später erliess die radikale aargauische Regierung ein Kreisschreiben an sämtliche Stände, das nicht einfach das Begehren auf Ausweisung stellte, sondern so ziemlich alle Absurditäten Kellers kritiklos und blindlings übernahm und dadurch doppelt provozierend wirken musste. In geheimen Verhandlungen der radikalen Führer der schweizerischen Stände fand der Antrag grossen Anklang, vor allem in Bern und Zürich. In der Zwinglistadt erlebte Gottfried Kellers Gedicht Jesuitenzug eine massenhafte Neuauflage, und im Juni 1844 doppelte der Dichter, von der radikalen Presse unterstützt, nach:
„Viel lieber mit Türken Allah schreien, als in Zwinglis Volk Jesuitentrabant.“
Der Hass gipfelte in einem «Jesuitenmarsch», der in den Strassen Zürichs gesungen wurde:
(1.) Es frisst bis in sein tiefstes Herz,
Ein heimlich Gift am Land.
Auf, auf, mein Volk, nun halt dich fest,
Und brenne aus das Schlangennest
Mit schonungsloser Hand!
(3.) O schwarze Jesuitenbrut,
Die ohne Kutten schleicht!
Zeit ist es, dass man an dich denkt.
Wer mitfliegt, wird auch mitgehenkt,
Gib acht, du wirst erreicht.
Auch in Luzern selbst stieg die Spannung vor der Sommertagsatzung. In Rom war Ordensgeneral Johannes Roothans immer noch für eine Aufschiebung der Jesuitenberufung, überliess aber die letzte Entscheidung dem schweize-rischen Provinzial Kaspar Rothenflue in Freiburg.
[1] Eine weitere Trauerfeier sah die Wettinger Konventualen am darauffolgenden 6. September, als Pater Dominikus Schmid in Eschenbach SG beerdigt wurde. Zur Beerdigung kamen auch zahlreiche Vertreterinnen des Klosters Magdenau, wo Pater Dominikus als letzter Pfarrer aus dem Konvent Wettingen tätig war.