Leseprobe 3

Zeittafel

Nach der Aufhebung des Klosters Muri, wurden im Januar 1841 auch die Klöster Wettingen, Fahr, Baden und Bremgarten aufgehoben

Auszug aus den Frauenklöstern

Unter Verwendung der Schrift von Max Stierlin, Zürich:
„Dietikon und die Abtei Wettingen“
Neujahrsblatt von Dietikon 1999

Nachdem Oberst Frey – Herosé dem Wettinger Konvent am 15. Januar 1841verkündet hatte, die Klöster hätten aufgehört zu existieren, zog er, begleitet von bewaffneten Aargauischen Regierungstruppen und seinem Begleittross, ins Kloster Fahr, wo er am selben Tag den Nonnen der Aargauischen Enklave[1] den regierungsrätlichen Aufhebungsbeschluss bekannt gab.

Kloster Fahr um 1910
Kloster Fahr um 1910 Ansichtskarte

Zwei anwesende Patres des Mutterklosters Einsiedeln legten Protest gegen die Aufhebung ein und verwahrten die Rechte des Klosters, aber der Oberst ging nicht darauf ein und verlangte ungesäumt die Auslieferung der Schlüssel, Konventssiegel und Wertgegenstände.

Ein paar Tage später, am 26. Januar wurde den Fahrer Nonnen durch die Aar-gauischen Regierungsvertreter der Ausweisungsbefehl eröffnet. Innert acht Tagen hatte der Konvent das Kloster zu verlassen.

Der Einsiedler Benediktinermönch Johann Baptist Stöcklin weilte zurzeit der Aufhebung als Hilfsbeichtiger[2] und Helfer des Propstes im Kloster. In seinem Bericht über die Ausweisung und den Auszug der Nonnen schreibt der zuverlässige Augenzeuge, dass den Konventualinnen „von verschiedenen Seiten dankenswert Zufluchtsstätten angetragen wurden“ und erwähnt namentlich etwa zehn Persönlichkeiten, die zur Aufnahme der Klosterfrauen bereit gewesen wären. Der Abt von Einsiedeln[3] versuchte zusammen mit Propst P. Markus Mettauer und P. Johann Baptist Stöcklin nach einer Zufluchtsstätte in der Nähe vom Fahr, von der aus die Nonnen vorübergehend auf andere Frauenklöster verteilt werden konnten, stets in der Hoffnung, die Klosteraufhebung sei nur vorübergehend und würde dank der Tagsatzung[4] rückgängig gemacht werden. Doch die Fahrer Klosterfrauen wollten zusammenbleiben und nahmen das Angebot, ins Pfarrhaus von Dietikon zu übersiedeln, gerne an.

Der Umzug nach Dietikon war recht umständlich, weil es zwischen Zürich und Wettingen keine Limmatbrücken gab und die noch nicht kanalisierte Limmat immer wieder ihren Lauf änderte. Die Fähre beim Fahr war nur für Fussgänger und kleinere Fuhrwerke geeignet. So musste auf die neu eingerichtete Wagenfähre bei Oberengstringen ausgewichen werden.

P. Stöcklin schreibt darüber:

„27. Januar. Mittwoch. Heute früh geschah das Abführen von Wägen mit Effekten und Mobilien der Frauen und Schwestern gemäss Erlaubnis der aargauischen Regierung aus ihren Zellen über die Limmat im Wagenschiff[5] zu Oberengstringen in den Pfarrhof nach Dietikon, als erster Zufluchtsort, welchen Herr Pfarrer P. Benedikt Rösler, Kapitular von Rheinau dem Konvent für Personen und ihre Mobilien aufs bereitwilligste und grossmütigste anerboten hatte … Es waren viele Männer, Frauen, Töchter von Dietikon mit dem Auf– und Abladen beschäftigt, mit Forttragen auf Räfen[6] und in Zeinen[7] von Klosterfrauen – Effekten von Fahr nach Dietikon … Kurz, es war wie bei einer eroberten Stadt, oder bei einer Feuersbrunst, wo man rettet, was noch zu retten möglich ist …“

Nonnen verlasssten am 02.02.1841 ihr Kloster
Unter den Augen der Aargauischen Regierungstruppen verlassen die Fahrer Nonnen am 2. Februar 1841 ihr Kloster
Nachkolorierte Xylographie aus der Schrift „Dietikon und die Abtei Wettingen“ von Max Stierlin

2. Februar. Mariä Lichtmess. Sonst ein fröhlicher Tag, heute aber für das Konvent Fahr der schrecklichste und ewig denkwürdige wegen der beschlossenen Auswanderung“, schreibt der Einsiedler Pater weiter. „Nach der Messe beteten die Frauen noch die Nonam[8]. Dies das letzte Chorgebet im Fahr – für einstweilen. Bis zu dieser Stunde hatten die Frauen immer den Chor gehalten wie üblich … Indes wurden noch immer Mobilien, Betten, Kästen, Zellengeräte und dergleichen nach Dietikon geschafft, bis zum Auszug …

Ein letztes Mal feiern die Schwestern die Messe im Kloster. Dann beginnt der Auszug unter Weinen und Jammern. An der Spitze des Konvents zog die Frau Priorin“, schreibt der Chronist über den Gang zur Fähre.

Das katholische Pfarrhaus von Dietikon
Das katholische Pfarrhaus von Dietikon
Erbaut unter Abt Alberik Denzler im Jahre 1833
Foto (nachkoloriert) aus der Schrift „Dietikon und die Abtei Wettingen“ von Max Stierlin

„… Der Weg bis an die Limmat, weil gefroren und mit Schnee bedeckt, war ziemlich schlipfrig und bös zu gehen … Bei diesem Auszuge des Konvents weinten alle Klosterdienste, etwa 15 Knechte und 6 Mägde, von welchen Diensten uns viele bis zur Überfahrt nach Dietikon begleiteten und dann weinend nochmals Abschied nahmen …

Als nun das ganze Konvent und wir 3 Einsiedler Capitularen am Ufer der Limmat versammelt waren, begann in einem Schifflein zu mehr malen die Überfahrt. Am jenseitigen Ufer stand fast die ganze katholische Bevölkerung von Dietikon und an ihrer Spitze ihre Vorsteher, alle voll christlichem Mitleid und Teilnahme am harten Schicksal des Konvents …“

Am Nachmittag des ersten Exiltages wurden im Pfarrhaus Dietikon weitere Schlafstätten eingerichtet für die nach und nach vom Fahr her ankommenden Konventualinnen. Pfarrer Benedikt Rösler war für das Nachtessen besorgt. Anschliessend besuchten die Einsiedler Herren in der Krone[9] den aus Frauenthal angereisten P. Alberik Zwyssig und P. Martin Reimann, der von Wettingen kam, wo er den Regierungskommissären Red und Antwort stehen musste.Pater Johann Baptist Stöcklin schreibt darüber:

„Zum heutigen merkwürdigen 2. Februar bemerke noch, dass diesen Nachmittag im Saale des Pfarrhofes in Dietikon 6 Bettstatten eingerichtet wurden, dass wir 3 Capitularen von Einsiedeln daselbst mit den Ausgewanderten zu Nacht speisten, dass Herr Propst und ich hernach in der Krone bei Herrn Falk … in einem sehr kalten Zimmer bei sehr kaltem Wetter übernachteten, und um wärmer zu haben, unsere Kleider auf die Bettdecke legten, und wir daselbst den Herrn Grosskellner P. Martin nebst P. Albericus Zwyssig und weitere vertriebene Wettinger Konventualen[10] antrafen. Die «Krone» ist ein Lehen des Klosters Wettingen mit gutgesinnten Lehensleuten und daher die Herren Mönche aus Wettingen gern ihre Zuflucht dahin nahmen und fanden.“

Auch die folgenden Nächte verbrachten die drei Einsiedler Patres im Gasthaus zur Krone und zwölf der vertriebenen Klosterfrauen im Pfarrhaus, vier Schwestern im Haus des Bruders[11] einer Konventualin und eine Schwester im Familienbetrieb ihrer Eltern[12].

Der Tag der Kirchenpatronin St. Agatha war in Dietikon jeweils ein wichtiger, feierlich begangener Festtag. Am 5. Februar 1841 wurde er durch die Mitwirkung von Einsiedler und Wettinger Mönchen im Festgottesdienst und durch die Anwesenheit der Fahrer Nonnen zu einer demonstrativen Unterstützung der vertriebenen Ordensleute. In seinem Tagebuch schreibt Pater Stöcklin über diesen Festtag:

„5. Februar. Freitag. S. Agatha V.M.[13] Patrocinium in Dietikon. Eine gewisse Anzahl der in Dietikon wohnenden Fahrer Frauen und Schwestern kommunizierten in der Pfarrkirche. Fischer Hausherr in Unterengstringen führte die bei ihm wohnenden 3 Frauen und die Frau Kellerin und die 2 Küchenschwestern, die noch im Kloster wohnen durften, im Schiffe die Limmat hinab zum Gottesdienst. – Herr Pfarrer Rösler hielt die Festpredigt und flocht in dieselbe auf schöne Weise auch das traurige Schicksal der dabei gegenwärtigen Klosterjungfrauen ein. Ich hielt das gesungene Amt mit Herr Chrysostomus[14] von Wettingen, früher Vikar in Dietikon, half singen, Herr P. Alberic Zwyssig schlug die Orgel.

Auf diese Weise stellten sich die Dietiker unerschrocken auf die Seite der aufgehobenen Klöster. Dazu brauchte es zu diesem Zeitpunkt einigen Mut, denn sie konnten nicht wissen, ob auch die Zürcher Regierung die Aufhebung von Fahr unterstützen und ihr Verhalten deshalb missbilligen oder gar bestrafen würde.

Doch die Zürcher Behörden zeigten sich grosszügig. Als sich die Frage des Asylrechtes stellte, forderte der Gemeinderat von Unterengstringen die Heimatscheine der Vertriebenen ein und verlangte von der Kantonsregierung eine Stellungnahme. Die Zürcher Regierung beschloss am 29. April, „in Berücksichtigung der Ausserordentlichkeit des Falles … sey das Statthalteramt Zürich beauftragt, den betreffenden Gemeindebehörden die Weisung zu erteilen, dass den Klosterfrauen der Aufenthalt im hiesigen Canton bis auf Weiteres gestattet sey, ohne dass sie irgendwelche Ausweisschriften wie Heimatscheine und dergleichen beyzubringen haben.“[15]

Unmittelbar nach der Klosteraufhebung hatte die Zürcher Regierung im Auftrag des Abtes von Einsiedeln alle im Kanton Zürich gelegenen Fahrer Klostergüter unter Sequestierung[16] gestellt, um sie dem Stift Einsiedeln als rechtmässigem Besitzer ungeschmälert zu erhalten und sie vor dem Zugriff der Aargauer Behörden zu schützen. Darob erbost entzog der Kanton Aargau den Fahrer Nonnen die vorgesehene Pension.

Welchʼ groteske Situation daraus entstehen konnte, dass die Fahrer Klostergebäude vom Kanton Aargau beschlagnahmt, die um das Kloster gelegenen Güter jedoch vom Kanton Zürich mit Sequester belegt waren, zeigt eine Anekdote, die Pater Johann Baptist Stöcklin in seinem Tagebuch festhält:

Das Wettinger „Fährli Leh“
Das Wettinger „Fährli Leh“
Wohnhaus 1774, Stall 1815
Federzeichnung (nachkoloriert) von C. Eicholtz 1899 (Ausschnitt)

„Da die grosse Schür[17] mit ihren Ställen beim Kloster Fahr teils im Kanton Zürich, teils im Kanton Aargau steht, so war der Teil der Schür und der zugehörigen Ställe und hiermit auch das Vieh, welches im Kanton Zürich stehend, unter Sequester gelegt worden gleich nach Aufhebung des Klosters – Da geschah es, dass eine Kuh den Kopf im Kanton Zürich, und den Schwanz im Kt. Aargau hatte. Dies gab nun eine Question[18], bis es ausgemittelt war, ob Zürich oder Aargau das Recht dazu habe …“

Ein Lehensgut des Klosters Fahr, das „Fährli Leh“ oberhalb des Dorfes Wettingen wurde durch die Klosteraufhebungen ebenfalls zum Diebesgut der Aargauer Regierung.

Einst stand an der Stelle des markanten Gebäudes ein Lehenshof des Klosters Wettingen, welchen das Kloster Fahr zum Lehen hatte und ursprünglich von einem Meier bestellt wurde. Nach verschiedenen Besitzerwechseln kaufte es 1631 das Kloster Fahr. 1774 liess Priorin Gertrud Schernberg[19] ein neues Wohngebäude und ihre Nachfolgerin[20] 1815 eine neue Scheune erbauen.

Auch die übrigen Aargauischen Frauenklöster ereilte das Schicksal der Aufhebung und der Ausweisung ihrer Bewohnerinnen.

Die Bendiktinerinnen von Hermetschwil fanden Asyl im Kloster St. Andreas zu Sarnen, die Zisterzienserinnen von Gnadenthal mit ihrer 86-jährigen Priorin fanden in Frauenthal Zuflucht, die Kapuzinerinnen von Maria Krönung Baden im Kloster St. Anna Luzern.

Das Kloster Hermetschwil heute
Das Kloster Hermetschwil heute
Wikipedia

[1] Mit der Aufteilung der Grafschaft Baden unter die Kantone Zürich und Aargau wurde das Kloster Fahr eine vom Kanton Zürich umschlossene Enklave des Kantons Aargau. Die Klostergebäude sind dem Kanton Aargau unterstellt, die umliegenden Ökonomiegebäude liegen auf Zürcher Gebiet.

[2] Hilfsbeichtvater

[3] Cölestin Müller

[4] Bundesversammlung

[5] Fähre

[6] Traggestelle

[7] Tragkörbe

[8] die Non, das Tagesgebet zur 9. Stunde

[9] klostereigener Betrieb bis 1841. Dritter Umbau unter Abt Franziskus Baumgartner 1703

[10] unter ihnen: P. Chrysostomus Sacher, früher Vikar in Dietikon

[11] Joseph Wiederkehr

[12] in der Schmidte Dietikon

[13] Virgo Maria (Jungfrau Maria)

[14] P. Joh. Chrysostomus Sacher, Vorgänger (1831-1832) von P. Alberik Zwyssig als Kapellmeister

[15] Nach ihrem Aufenthalt im Pfarrhaus von Dietikon wurden die Fahrer Nonnen auf verschiedene Frauenklöster aufgeteilt. 1843 durften sie ins Fahr zurückkehren. Doch die skeptischen Kantonsbehörden liessen die Aufnahme von Novizinnen erst 1858 zu. Ein Probst wurde erst 1865 zugelassen. Bis 1888 wurde das Klostervermögen durch einen staatlichen Verwalter beaufsichtigt. Von 1872 – 1880 wurde die Novizinnenaufnahme nochmals verboten. Die volle Selbstverwaltung erhielt das Kloster erst 1932.

[16]gerichtliche Verwaltung

[17] Scheune

[18] Streitfall

[19] Priorin von 1771-1795

[20] Priorin von 1795-1825